„Wege aus der Klimakrise – Planen und Bauen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“

Das Dresdner Immobiliensymposium griff in diesem Jahr ein Thema auf, dass aktueller und dringender nicht sein könnte: Rund 200 Teilnehmer stellten sich der Herausforderung „Wege aus der Klimakrise – Planen und Bauen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“. Klimaforscher und Architekten, Naturschützer und Bauherren, Wissenschaftler und Ökonomen beleuchteten den Klimaschutz aus verschiedenen Perspektiven, zeigten Hürden, neuste Erkenntnisse und Chancen auf und sorgten so für rege Diskussionen.

Die Bedeutung der Baubranche für den Klimaschutz

Das Thema Klimaschutz ist heute präsenter als je zuvor: Das ohnehin umstrittene Zwei-Grad-Ziel gilt als kaum noch haltbar, globale Klimastreiks bringen weltweit Millionen Menschen auf die Straßen, das Klimaschutzpaket der Bundesregierung wird selbst von Experten scharf kritisiert. Der Bausektor ist für ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich, der Anteil der Zementindustrie allein beträgt 8 Prozent. Zum Vergleich: Der gesamte Flugverkehr macht nur rund 2 bis 3 Prozent aus. Hinzu kommt der sogenannte Lock-in-Effekt: Heute getroffene Entscheidungen in Bau oder Sanierung bleiben auf Jahrzehnte unverändert.

Dass weiterer Handlungsbedarf besteht, ist daher unbestritten. Zumal die erwarteten Folgen des Klimawandels in Form von Extremwetterereignissen schon heute zunehmend Gebäudeschäden verursachen. Andererseits ist der deutsche Bausektor durch Maßnahmen wie die Energieeinsparverordnung (EnEV) bereits stark reglementiert. Weiterhin verhindern Risikoscheu, unzureichende Markttransparenz und der begrenzte Zugang zu Kapital, dass schon heute bekannte Methoden und Technologien zur Einsparung flächendeckend umgesetzt werden. Wie also kann unsere Branche den berechtigten Forderungen nach weiteren Einsparungen gerecht werden? Was bedeuten wissenschaftliche Erkenntnisse heruntergebrochen auf unsere Praxis, und wie sind Vorreiter an erste Leuchtturmprojekte herangegangen?

„Wir brauchen völlig neue Modelle der Kreislaufwirtschaft, Ressourceneinsparung und Mobilität“

Diese und viele weitere Fragen beschäftigten am 15. Januar 2020 rund 200 Teilnehmer des 5. Dresdener Immobiliensymposiums. Unter dem Titel „Wege aus der Klimakrise – Planen und Bauen für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ hatte die hpm Henkel Projektmanagement GmbH gemeinsam mit dem Bund Deutscher Architekten BDA – Landesverband Sachsen ins Tagungszentrum des Deutschen Hygiene-Museums Dresden eingeladen, um Experten zu hören, gemeinsam zu diskutieren und Praktiker zu Wort kommen zu lassen.

„Es ist das wohl wichtigste Thema unserer bisherigen Veranstaltungen, denn diese Herausforderung können wir nicht aufschieben oder ignorieren“, mahnte hpm-Geschäftsführer Thomas Henkel in seiner Eröffnungsrede. Die Handlungsansätze könnten aber nicht darin bestehen, dass die EnEV noch weiter verschärft würde, „sondern wir brauchen völlig neue Modelle der Kreislaufwirtschaft, der Ressourceneinsparung und natürlich auch der Mobilität.“ Als persönlichen Beitrag zum Klimaschutz spendierte Henkel seinen Mitarbeitern zum Jahresbeginn Abo-Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, wählte als nächstes Firmenfahrzeug einen Hybridwagen und er selbst wolle noch häufiger das Rad für den Arbeitsweg nutzen.

„Wir haben keine Erkenntnisprobleme, wir haben Umsetzungsprobleme“

„Wir müssen vieles verändern, damit es so bleibt, wie es ist“ – mit diesen Worten begrüßte Moderator Dr. Thomas Welter das Publikum. Aus seiner Erfahrung als Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten BDA berichtete er, wieviel schon zur Initiative des Klimamanifests 2009 bekannt war und wie wenig davon doch bis zur Erneuerung als Positionspapier „Haus der Erde“ im vergangenen Jahr umgesetzt werden konnte. Das anschließende Grußwort aus Berlin überbrachte Lothar Fehn Krestas, Leiter der Unterabteilung Bauwesen/Bauwirtschaft im Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) in Vertretung für seinen Parlamentarischer Staatssekretär Marco Wanderwitz. Er zeichnete den welt- und bundespolitischen Rahmen des Klimaschutzes, gab einen Einblick in den aktuellen Stand und die geplanten Vorhaben und Richtlinien.

Den fachlichen Einstieg leistete anschließend Prof. Dr. Dirk Notz von der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Illustriert mit Fotos seiner eigenen Arktisexpeditionen vermittelte er fundiert und verständlich den aktuellen Erkenntnisstand der Klimaforschung und machte unmissverständlich klar: Unserer Lebenswelt stehen einschneidende Veränderungen bevor. Trotz der erschreckenden Prognosen betonte Notz, dass der Mensch als Verursacher die Zügel (noch) in der Hand habe. Wie etwa der enorme CO2-Ausstoß bei der Zementherstellung reduziert werden kann, zeigte im zweiten Fachvortrag Michael Scharpf, Head of Sustainable Construction bei LafargeHolcim in Zürich. Schon heute deutlich besser als der Branchendurchschnitt arbeitet das Schweizer Unternehmen intensiv daran, den Ausstoß im Einklang mit dem 2-Grad-Szenario des Pariser Klimaschutzabkommens auf 520 kg CO2 pro Tonne Zement zu senken.

Holz-Hybrid-Bau und Recycling als Best Practices

Nach der Pause erklärte Danny Püschel, Referent für Energiepolitik und Klimaschutz beim NABU, die Bedeutung der Grauen Energie von Baustoffen für die Ökobilanz. Praxisorientiert präsentierte er Datenquellen und Berechnungsmöglichkeiten, Good Practices aber auch Zielkonflikte. Damit schuf er den perfekten Übergang zu zwei Best-Practice-Vorträgen. Im ersten stellte Sergei Tchoban, Partner bei TCHOBAN VOSS Architekten, die seit August im Bau befindliche Vattenfall Deutschland-Zentrale am Berliner Südkreuz vor. Das Büroensemble in Holz-Hybrid-Bauweise wird im Atrium eine innovative, grüne Erholungs-und Kommunikationszone bieten und erhielt bereits das DGNB-Platin-Vor-Zertifikat sowie das deutschlandweit erste WELL Core Gold-Vor-Zertifikat.

Ein Projekt der ganz anderen Art stellte im Anschluss Nils Nolting vor, Partner bei cityförster architecture + urbanism und verantwortlicher Architekt für das Recyclinghaus Hannover. Das experimentelle Wohnhaus wurde nahezu komplett aus recycelten und recyclingfähigen Bauteilen in recyclinggerechter Bauweise erstellt. Die Kreativität der Beteiligten, die Verfügbarkeit der Materialien sowie der Aufwand für die Planung versetzte das Publikum ins Staunen, sorgte aber auch für kritische Nachfragen ob der Wirtschaftlichkeit.

Von Nachhaltigkeitszielen und Stadt(t)räumen

Den dritten Themenblock eröffnete Gerd Krause, Partner der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Bereich Corporate Goverance Services. Er erläuterte anschaulich Impact und Risiken aus Sicht der Investoren als Entscheider, die zunehmend ESG-Ziele wie die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen oder den EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums berücksichtigen. Eine Möglichkeit des Benchmarks zeigte daraufhin Prof. Alexander Rudolphi auf. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen DGNB stellte die Entwicklung und ambitionierten Ziele der DGNB-Zertifizierung vor und stellte unter anderem klar: „Höhere Auszeichnungsstufen bei der Zertifizierung sind nicht unbedingt mit höheren Baukosten verbunden.“

Zum Abschluss erweiterte Prof. em. Alexander Schmidt vom Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung/imobis, JointCenter Urbane Systeme an der Universität Duisburg-Essen das Themenspektrum. Sein Plädoyer für „neue Stadt(t)räume“ zeigte Aspekte und Auswirkungen der bisherigen Stadtplanung und stellte das Forschungsprojekt NEMO – Neue Emscher Mobilität der Stiftung Mercator vor. Darin werden gemeinsam mit Sozialwissenschaftlern die komplexen Wechselwirkungen und Zusammenhänge der Stadtentwicklung untersucht sowie Szenarien und Modelle für eine gesunde und nachhaltige Stadt entwickelt.

Damit lieferte das Fachprogramm zahlreiche Anregungen und Erkenntnisse, die beim anschließenden Get together mit Buffet noch lange und rege diskutiert wurden. Die hpm Henkel Projektmanagement GmbH und der Bund Deutscher Architekten BDA – Landesverband Sachsen danken allen Teilnehmern, Referenten, Sponsoren und Mitwirkenden herzlich für ein gelungenes Dresdner Immobiliensymposium und freuen sich auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr.

Sponsoren

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Programm zum Dresdener Immobiliensymposium 2020

Moderation
Dr. Thomas Welter | Bundesgeschäftsführer Bund Deutscher Architekten BDA |Berlin

14:00 UhrEröffnung
Dipl.-Ing. Thomas Henkel | Geschäftsführer der hpm Henkel Projektmanagement GmbH | Dresden
14:10 UhrGrußwort
Marco Wanderwitz | Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat | Berlin
14:30 UhrKeynote: Das Ende der Eis-Zeit – Klimawandel und seine Folgen
Prof. Dr. Dirk Notz | Universität Hamburg und Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem am Max-Planck-Institut für Meteorologie | Hamburg
15:15 UhrUmsetzung des Pariser Klimaabkommens im Immobiliensektor
Dipl.-Ing. Michael Scharpf, MBA | Head of Sustainable Construction bei LafargeHolcim | Zürich
15:45 UhrP A U S E
16:00 UhrGraue Energie und Ökobilanzen: Notwendigkeit und Fallbeispiele
Dipl.-Biologe Danny Püschel | Referent Energiepolitik und Klimaschutz beim NABU | Berlin
16:30 UhrBest Practice: Die Vattenfall Deutschland-Zentrale, Berlin – Klimagerechtes Bauen
Dipl.-Ing. Architekt BDA Sergei Tchoban | Partner bei TCHOBAN VOSS Architekten | Berlin
17:00 UhrBest Practice: Recyclinghaus Hannover
Dipl.-Ing. Architekt Nils Nolting | Partner cityförster architecture + urbanism | Hannover
17:30 UhrP A U S E
17:45 UhrImpact und Risiken aus Entscheidersicht
Gerd Krause | Partner KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft im Bereich Corporate Goverance Services | Köln
18:15 UhrDGNB Zertifizierung: Grundsätze und Ziele im Kontext der Klimaschutzdiskussion
Prof. Ing. Alexander Rudolphi | Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen DGNB | Stuttgart
18:45 UhrKlimagerechte Mobilität braucht neue Stadt(t)räume
Prof. em. Dr.-Ing. J. Alexander Schmidt | Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung / imobis, JointCenter Urbane Systeme an der Universität Duisburg-Essen
19:15 UhrGet-together

Referenten

  • Dr. Thomas Welter, Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten BDA

    Dr. Thomas Welter

    Bundesgeschäftsführer des Bundes Deutscher Architekten BDA

  • Thomas Henkel, Geschäftsführer hpm Hnekel Projektmanagement GmbH

    Thomas Henkel

    Geschäftsführer hpm Henkel Projektmanagement GmbH

  • Marco Wanderwitz

    Marco Wanderwitz

    Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat

  • Prof. Dr. Dirk Notz

    Prof. Dr. Dirk Notz

    Universität Hamburg und Max-Planck-Institut für Meteorologie

     

    Foto: MPIMET/Torsten Heller, AF Expeditionen

  • Michael Scharpf

    Michael Scharpf

    Head of Sustainable Construction bei LafargeHolcim

  • Sergei Tchoban

    Sergei Tchoban

    Architekt BDA und Partner bei TCHOBAN VOSS Architekten

     

    Foto: Holger Talinski

  • Nils Nolting

    Nils Nolting

    Partner cityförster architecture +  urbanism

  • Gerd Krause, KPMG

    Gerd Krause

    Partner der KPMG AG Wirtschaftsprüfungs-gesellschaft im Bereich Corporate Goverance Services

  • Prof. Alexander Rudolphi

    Prof. Alexander Rudolphi

    Präsident der Deutschen Gesellschaft für nachhaltiges Bauen DGNB

  • Danny Püschel

    Danny Püschel

    Referent Energiepolitik und Klimaschutz beim NABU

  • Prof. em. Dr.-Ing. J. Alexander Schmidt

    Prof. em. Dr.-Ing. J. Alexander Schmidt

    Institut für Mobilitäts- und Stadtplanung an der Universität Duisburg-Essen